Brauchen wir Wachstum eigentlich noch? Und wie sähe eine Alternative aus? Zwei von ganz, ganz vielen Fragen, die geklärt werden müssen in einer Welt, die unkontrolliertes Wachstum an den Rand des Kollapses gebracht hat. Was auch dem Landesarbeitskreis (LAK) Wirtschaft und Soziales der GRÜNEN JUGEND Bayern bewusst ist. Deswegen lud er zur Klärung dieser (und so mancher anderer) Fragen interessierte GJ-Mitglieder vom Samstag, dem 6., bis zum Sonntag, dem 7. März, ins Stadtbüro der Münchener Grünen. Und so manche_r folgte dem Ruf…

Samstag

Also, Samstagmittag um 12 Uhr gings gleich mal kreativ los. Nach der (obligatorischen) Vorstellungsrunde und dem (unobligatorischen) Schreiben der Erwartung an an das Seminar auf Kärtchen teilte mensch sich in vier Gruppen, die jeweils verschiedene Aspekte von Wachstum und Wachstumskritik aufarbeiten. So kümmerten sich die Gruppenmitglieder um das heutige BIP-Wachstum und Alternativen zu diesem, mit der Umweltverträglichkeit und vor allem den Umweltschäden, die mit Wachstum einhergehen, oder auch damit, wie die GJ Bayern sich zu diesem Thema in die altgrüne innerparteiliche Debatte einbringen kann. Diese Gruppenarbeiten sollten später noch in mehreren Blocks fortgeführt werden.

An die erste Gruppenphase wurde dann das ausgiebige Pizza- und Spaghettiessen angehängt, bevor ein Vortrag von Thomas Gambke, dem Wirtschaftsexperten der grünen Bundestagsfraktion, den (langen) Nachmittag einläutete. Das Themenspektrum hier war dann – innerhalb des Wachstumsthemas – dann doch recht breit, beginnend mit allgemeinen Erläuterungen, wieso das Zeug überhaupt existiert (Beispiel: Ein Dorf, in dem jede_r einen Job hat, der irgendwie wichtig für die Gemeinschaft ist, dort will dann jede_r sich verbessern, aus ganz unterschiedlichen Gründen, will etwa früher nach Hause kommen, um ein Buch zu lesen, das ist dann ein Produktivitätsgewinn und das führt schließlich insgesamt zu Wachstum), aber dann auch schon einen der ersten (und wichtigsten) Gründe nannten, wieso Wachstum schlecht ist: Es geht immer auf Kosten anderer.

Das nächste Erklärte bzw. Erläuterte war anschließend der Zusammenhang von CO2-Ausstoß und Wirtschaftswachstum und die Möglichkeit zur Entkopplung der beiden. CO2 steigt nämlich beinahe parallel zum Wachstum, mit einer kleinen Versetzung, da gleichzeitig die Entfernungen zwischen Arbeitsplätzen und Wohnorten immer größer werden. Lösungen gibt es bislang – bis auf radikale, aber vielleicht nachdenkenswerte – für dieses Problem nicht. Strukturelle Defizite in den Haushalten sind auch so was, für das es angeblich keine Lösung gibt, wenn man nicht verschärft und unkonventionell nachdenkt. Dabei spielt die Hauptrolle, dass Leistungen in einen bisher von der Volkswirtschaft nicht erfassten Bereich verlagert werden, Erziehung in Kitas, Oma in die Alterspflege. Dazu wurde die Meinung laut, eine Rückverlagerung in die Familien, wenn sie durch entsprechende Förderungen (endlich) möglich gemacht würde, zumindest in Augenschein zu nehmen. Nachdem auch noch darauf eingegangen worden war, warum Wachstum denn negativ ist (größere Ungerechtigkeit zwischen Gering- und Gutverdienern) und wieso es innerhalb des Wachstumssystems zumindest daraus kaum einen Ausweg gibt (Schrumpfen der Einkommen wäre wohl schwer durchsetzbar), wurde ein Fazit gefällt:
Man muss für alles ökologische und soziale „Leitplanken“ schaffen, zu denen Mindestlohn, Frauenquote, Beschränkung von Managergehältern, Antidiskriminierungsgesetze und die Abschaffung von Stechkarten gehört. Dann ist ein Gutteil schon mal getan.
Radikaler ging es da schon beim zweiten Vortrag vor, zu dem Christian Kopf, Fondsmanager und Grüner, per Skype aus London zugeschaltet wurde. Hier wurde darauf angesprochen, dass ein Wachstum der Anthroposphäre (der Einflussbereich des Menschen) in der begrenzten Biosphäre nicht mehr möglich ist! Schließlich hält die den menschlichen Input an Schadstoffen, Abfällen, Bodenerosion usw. nicht mehr lange aus. Dass Wachstum auch aus sozialer Sicht nicht mehr geht, kein Mensch hält den wachsenden Druck und Stress aus, eher wäre ein Mehr an Freizeit und Ruhephasen für ein menschenwürdiges Leben nötig. Deswegen forderte er die Grünen insgesamt unter anderem auf, dich für einen Ausbau der Teilzeit und ein bedingungsloses Grundeinkommen einzusetzen. Dieses würde ein selbstbestimmtes Leben möglich machen. Ein weiteres Ding, das für die Zukunft Perspektiven schaffen würde, wäre ein Minuswachstum der Wirtschaft. Jegliche Wirtschaftsförderung, die auf Verschuldung aufbaut, sollte ebenfalls gestrichen werden, auch die für nachhaltige Formen des Wirtschaftens wie Nanotechnologie oder ähnliches. Verschuldungsabbau hat für die Zukunft Vorrang. Nach kontroverser Diskussion und dem Anschauen des Films „Let´s make money“ gings schließlich ins Bett.

Sonntag

Der Sonntag brach und Arbeit stand an. Die Arbeitsgruppen setzten sich wieder zusammen und arbeiteten sich an ihren Aufgabengebieten weiter ab. Schließlich soll aus den so zusammengetragenen Infos am Ende ein Antrag werden. Auch ihr seid natürlich eingeladen, bei diesem mitzuschreiben. Unter http://wiki.gruene-jugend.de/index.php/Papier_%22Wachstum%22 habt ihr die Möglichkeit. Nach dem Vortrag der Gruppenergebnisse, die ihr auch im Wiki findet, löste man sich dann auf, um nach Franken, Schwaben oder ganz woanders hin abzufahren.

War das Seminar denn nun gelungen? Dazu meinte Samuel Raz, Koordinator des LAKs: „Ich denke, es hat eine sehr große Eigendynamik entwickelt und es wurde viel über allgemeine Wirtschaftspolitik diskutiert. Man hat auch gemerkt, dass wirklich alles angesprochen wurde und dass man nicht bei der Kritik am Wachstum bleiben kann ohne auch Alternativen aufzuzeigen, die unser aktuelles Wirtschaftssystem ad absurdum führen. Dementsprechend haben wir, denke ich, einen tollen Beitrag zur inhaltlichen Arbeit der GRÜNEN JUGEND in diesem Jahr geleistet.“ Man werde sich auch in die weitere grüne Debatte zum Thema einbringen und – und darauf können wir uns freuen – Ende des Jahres wird es wohl ein weiteres Seminar des LAKs Wirtschaft [&] Soziales geben. Wir freuen uns schon drauf. Und, kleines Schmankerl am Rande, Klischees über uns Grüne scheinen manchmal wohl doch zu stimmen. So waren Apfelringe vom Reformhaus eines der Snacks, die während der Diskussionen die Köpfe der Teilnehmer_innen freihielten…

Der Brennstoff ist die Mitgliederzeitschrift der Grünen Jugend Bayern. Ihr erreicht die Redaktion unter brennstoff@gj-bayern.de

von Jakob Wunderwald (Mitglied der Brennstoff-Redaktion)