Ich studiere Lehramt an Grundschulen und befinde mich gerade im 1. Staatsexamen.

Schon während meines Studiums kamen die Dozentinnen und Dozenten immer wieder zum selben Fazit: Es muss alles anders werden, als es jetzt in den Schulen ist!

Wir müssen Unterricht handlungsorientierter, lebensnäher und motivierender gestalten, der Heterogenität der SchülerInnen müssen wir durch Differenzierung Sorge tragen. Wir müssen den Kindern ein freieres, selbstgesteuertes Lernen ermöglichen, bei dem sie ihre Neigungen entfalten können. Ein neues Verständnis vom Verhältnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, nämlich eines, das von gegenseitigem Respekt und Würde geprägt ist und nicht von Gehorsamkeit, Dominanz und Verständnislosigkeit, muss Grundlage unseres Handelns sein.

Beim Studium von Fachliteratur für meine Examensprüfungen setzten sich diese Forderungen fort. Ich habe gelernt, dass unsere Schulnoten keinerlei Gütekriterien erfüllen, sie sind nicht objektiv, nicht variabel (sie prüfen also nicht sicher das, was sie prüfen sollen) und sie sind nicht reliabel (sie prüfen nicht genau). Beim traditionellen Frontalunterricht kommt der Stoff für einen großen Teil der Kinder zu spät, sie sind unterfordert und langweilen sich. Für einen weiteren großen Teil kommt der Unterrichtsinhalt zu früh, sie sind also noch mit dem alten Thema beschäftigt und sind jetzt überfordert. Nur für einen kleinen Teil der SchülerInnen kommt der Stoff zur passenden Zeit, nur sie können ihn also optimal verarbeiten. Starten Erstklässler noch mit unbändiger Neugierde und Begeisterung in ihr Schülerleben, so ist davon nach nur wenigen Jahren kaum mehr etwas übrig. Diese Liste würde sich noch lange fortsetzen lassen. Ich war sehr überrascht, als ich merkte, dass viele der aktuellen Forderungen der Didaktik oder der Wissenschaft ihren Ursprung in den 70er und 80er Jahren hatten, aber bis heute nicht gegen den Widerstand von vielen Seiten durchgesetzt werden konnten.

Betritt man heute eine Schule, wird man für diese “revolutionären” Gedanken oft nur belächelt, als naiv bezeichnet und als Träumer abgestempelt und ausgebremst. Forscher hätten ja keine Ahnung von der Realität in den Schulen, das ist einer der meistgehörten Sätze meiner Praktikumszeit.

Ich glaube nicht, dass diese, von mir und vielen anderen StudentInnen erlebten LehrerInnen immer schon so waren. Wahrscheinlich kamen sie genauso euphorisch, engagiert und motiviert aus dem Studium, wie es viele der heutigen JunglehrerInnen tun.

Aber durch das enge Korsett des Lehrplans, die zusätzlichen Vorgaben des Kultusministeriums und den Druck und die Ablehnung des älteren Lehrerkollegiums hat dieser Wunsch wohl oft ein jähes Ende genommen.

Die traurige Bilanz meines Studium ist, dass ich zwar gelernt habe, wie ich Kinder zeitgemäß, individuell und motivierend unterrichten könnte, dass die Anwendung dieses Wissens aber sehr schwierig werden dürfte.

Franzi, 24, Landshut