Meine mehr oder minder glorreiche Schullaufbahn begann damit, dass meinen Eltern vehement abgeraten wurde mich auf die eigentlich praktisch gelegene Grundschule Kirchenplatz zu schicken.

Begründung: Diese Schule werde mir erschweren, es auf ein Gymnasium zu schaffen. Eben winziges Personal und Gebäude, wenig kommunale Förderung und ein hoher Migrantenkinderanteil. Ein wahrer Spießbürgerschreck. Derartige Aussagen waren meinen Eltern anscheinend so egal, dass sie sich schon wieder verpflichtet fühlten mich erst recht anzumelden. Wider Erwarten fühlte ich mich dort sehr wohl, aber Unterschiede wurden schnell klar. Meine beste Freundin konnte in der ersten Klasse schon flüssig lesen, ich hatte bereits vor Einschulung das Rechnen im Zahlenraum bis 30 gemeistert, andere dagegen taten sich schon mit dem gesprochenen Deutschen schwer. Von Anfang angab es also einen Förderkurs der parallel zum regulären Unterricht. Das Pendant dazu bildete ab der dritten Klasse ein extra Mathematikintensivierungskurs für jene, die als die sieben Gymnasiumskandidat_Innen eingestuft wurden. Auch wenn diese Maßnahmen doch eine Art von individuellem Eingehen auf die Schüler darstellte, fühlte es sich an als hätte die Selektion begonnen.

Der Eintritt ins Gymnasium war für mich – heimliches Sensibelchen – dann erst mal ein Schock. Von einer Schülerzahl von maximal 200 wurde ich nun in einen Gebäudekomplex verfrachtet in dem ein scheinbar nicht-endlicher Fluss von Menschen auf mich niederging, die – damals noch – meist doppelt so groß waren wie ich. In dieser Zeit perfektionierte ich auch meine Hinter-den-Haaren-versteck-Technik. Ich trat ein in die große Phase des Umerziehens. Glatte Seiten, saubere Schrift und ja nicht über den Rand schreiben. Ich erinnere mich noch besonders an einen langwierigen Machtkampf mit meinem Mathelehrer, der sich einfach nicht mit meinen bunten Füllerpatronen abfinden konnte. Denn Sinn dahinter sein Heft möglichst eintönig zu gestalten verstehe ich heute noch nicht. In dieser Zeit formte sich auch mein Hass auf den unaufhörlichen Frontalunterricht, den ich effizient zum Zeichnen nutze, wo ich mir meinen Stoff doch viel lieber selbst zuhause erschloss. Gegen die neunte Klasse tauchte nun ein weiteres Zusatzprogramm auf. Durch die Jahrgangsstufe hindurch wurden alle Kinder zusammen getrieben, die es auf einen Schnitt niedriger als 1,5 geschafft hatten, um sich auf einen Platz im “ Hochbegabten Modell Mittelfranken“zu bewerben. Nicht informiert wurde meine Kusine, die zuvor bereits ein Jahr in einer „Hochbegabten Klasse“ verbracht hatte, aber zur Zeit des Angebot nicht die Noten hatte, um aufzufallen. Eine Lücke im System durch die sie gerutscht war. Ende Neunte, Anfang Zehnte merkte ich dann auch, dass ich es nicht schaffte, einmalwöchentlich zu dieser „hochbegabten“ Klasse zu gehen, die Grüne Jugend und Greenpeace zu machen, wenigstens ein bisschen Sport zu betreiben, ein Privatleben zu haben und gleichzeitig meinen Notenschnitt zu halten.Der Ausweg: drei Monate im Ausland verbringen. Eine Möglichkeit, die meine Englischnote nachhaltig beeinflusste, sich mir aber auch nur bot, da meine Eltern das nötige Geld aufbringen konnten. Wenn man in der Oberstufe in eine Englischstunde geht, merkt mensch sofort, wer tatsächlich im englischsprachigen Raum gelebt hat, und wem sich nur sein Schulenglisch bot.

In der elften Klasse kam dann der Nachhilfeunterricht in der Mitte der Schüler_Innenschaft an.Die, die es sich leisten konnten, hatten ihn.Ich währenddessen hatte mich bis zu einem ungesunden Maß in meinen Leistungsgedanken vergraben. Der Druck, den ich mir selbst machte, wurde immer weiter intensiver zu einem unschönen Strudel aus Angst, Vermeidungsverhalten und Widerstand. Ich konnte, wenn ich wollte, und ich lernte gerne, aber ich hasste es zu müssen. Zu etwas gezwungen zu sein, von dem du merkst, dass es dich kaputt macht, wurde unerträglich. An diesem Punkt begann meine Karriere als Schulverweigerin.Der erste Besuch bei einem Psychiater folgte nach einem Monat.Der war aber gänzlich unbeeindruckt von meiner Situation. Von Anfang an machte er,ein strenger Mitsechziger, mir klar, dass ich eine von Vielen bin. Mein Fall war für ihn Normalität. Tatsächlich hatte er selbst einmal ein Studium auf Lehramt begonnen, dasser aber abbrach, weil er ein Problem mit den herrschenden Erziehungsmethoden hatte.Wörtlich meinte er, die Schulen wären der Grund, dass er einen Job hätte.Nun war seine Lösung für mich: Psychopharmaka.Mir wurde sehr einfühlsam vermittelt, dass er allen seinen Patient_Innen Tabletten gab, die sie dann absetzen konnten, wenn sie ihr Abitur geschafft hatten.Nur, damit sie den Stress durchständen. Ich war natürlich übermäßig begeistert von der Idee bewusstseinsverändernde Substanzen zu nehmen. Nicht weil ich etwas gegen bewusstseinsverändernde Substanzen hätte. Nur die Vorstellung, mich für ein System zu verändern, an dem ich nicht mit gearbeitet habe, ist einfach krankhaft. Ich verändere die Gesellschaft, nicht die Gesellschaft mich. Im Endeffekt wurde ich sozusagen erpresst. Entweder ich würde die Glücklichmacherpillen nehmen, oder eingewiesen. Mein Kompromiss: Ich gehe nicht mehr zum Psychiater.

Ich weiß heute noch nicht wirklich, was ich tun SOLL: Genau hier trifft „Glaube“ scheinbar unvereinbar auf Realität. Nach Adorno: „Gibt es das Richtige im Falschen?“ Wenn ich mich anpasse und mich durch diese gleichmachende Maschine namens Qualifikationsphase hindurch presse, wozu machen sie mich dann? Einem durch die Erschöpfung willenlos gemachtem Rädchen im Getriebe? Ein durch seinen Abiturschnitt kategorisierten und somit in seinen Möglichkeiten für immer beschränkten Subjekt? Meine größte Angst ist und bleibt, dass ich, wenn ich mich wieder auf dieses Schulsystem einlasse, dem ich so abgeneigt bin, nicht mehr dieselbe bin. Dass ich mich unterwegs verliere.

Jenni Bayer, 11. Klasse, Gymnasium