Das Jahr 2010 ist das internationale Jahr der Biodiversität. Biodiversität, die Vielfalt der Arten, Gene und Lebensräume, ist nicht nur etwas schönes, sondern sie garantiert die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen und damit ihre Stabilität und die Fähigkeit der Natur, sich an den Klimawandel anzupassen. Das Ziel der EU, bis 2010 den Verlust an Artenvielfalt in der EU zu stoppen, ist grandios gescheitert, er geht ungebremst weiter.

Ein Grund für das Aussterben von Arten ist die Zerstörung von Lebensräumen. Täglich werden in der BRD 125ha natürlicher oder landwirtschaftlich genutzer Fläche in Verkehrs- und Siedlungsfläche umgewandelt. Pro Stunde sind das 5,2ha oder 52038m². Pro Minute 868m², also ein Quadrat mit einer Länge von 29,45m.

Wenn sich das ändern soll, muß endlich die unsinnige Verkehrs- und Baupolitik in Deutschland aufhören. Viele PolitikerInnen – und die CSU hat das zur Perfektion entwickelt – reagieren auf Probleme – und seien es nur die eigenen Umfragewerte – indem sie Geld in die Hand nehmen und sagen: “Bau’ ma was!”. Das ist nicht nur niveaulos, es ist auch richtig teuer und zerstört wertvolle Lebensräume für Tiere, Pflanzen und nicht zuletzt die Menschen.

Diese Zerstörung brachte die Tramptour nach Ingolstadt. Am Paradeplatz wollten wir ein Quadrat von 29,4m x 29,4m absperren, um den Ingolstädtern und Ingolstädterinnen zu zeigen, wie kraß der Flächenfraß in Deutschland ist. Wie kraß das ist, fiel uns beim Ausmessen auf. Es gab einfach nicht genug Platz für ein Quadrat von 29,4m Seitenlänge. Gezwungenermaßen sperren wir also nur die Hälfte ab.

Der Ingolstädter Paradeplatz ist – abgesehen von seiner Größe – der ideale Ort für unsere Aktion. Noch vor 30 Jahren war er weitgehend offen. Ein paar Parkplätze und ein Weg zum bayerischen Armeemuseum waren die einzigen versiegelten Flächen. Dazwischen war Wiese. Heute ist der Platz ganz gepflastert. Die Bäume durften stehenbleiben, doch gut geht es ihnen offensichtlich nicht. Das sieht man an den vielen blattlosen Ästen im Randgebiet der Krone.

Auch die Fläche, die alle 30 Sekunden in Deutschland versiegelt wird, ist noch ganzschön groß. Viele PassantInnen reagieren entsprechend schockiert. Hier ein Photo aufgenommen vom Balkon im vierten Stock des Gewerkschaftshauses am Paradeplatz:

Es passiert aber auch noch etwas sehr komisches: Eine alte Frau, die auf den ersten Blick recht schockiert sind, fragen, als wir sie ansprechen, nicht nach dem Sinn unserer Aktion, sondern danach, ob wir eine Genehmigung dafür haben. Ja, wir haben eine Genehmigung. Benedikt im Büro der Ingolstädter Bundestagsabgeordneten Agnes Krumwiede hatte uns eine besorgt. Hochoffiziell ist das. Und als Karl versichert, daß wir eine Genehmigung haben, beruhigt sich die alte Frau sichtlich und geht weiter.

Daß das kein Einzelfall ist, sondern mehrmals passiert, wirft ein seltsames Bild auf die Ingolstädter SeniorInnen. Mit solchen Leuten läßt sich ein Staat machen – aber keine Demokratie.

von Karl Bär

(zuerst erschienen auf: http://blog.gruene-jugend.de/archives/2695 – dort besteht auch die Möglichkeit den Artikel zu kommentieren)

Die Tramptour hat am 10.8. Station in Ingolstadt gemacht.